Anja Schindler
(Alte HIFA -Strickwarenfabrik)
Moselstraße 21 · 56818 Klotten

KURIOSITÄTENKABINETT -
CAMERA DELLE MERAVIGLIE


2004            Centro per l'Arte Contemporanea Trebisonda,
                   Perugia, Italien
2009/2010    Pavillon des Gerhard-Marcks-Haus, Bremen  

Ein Ort zu Ehren der Dinge

Kunst- und Wunderkammern sind ein Sammelsurium dessen, was Menschen wissen und worüber sie sich wundern. Mit ihren Objekten zwischen Natur, Wissenschaft, Mechanik und Kunst sind sie Orte zu Ehren der Dinge. Sie bevormunden nicht, sie geben nicht vor, erschöpfend Bescheid zu wissen. Kunstkammern kennen keine starre Abgrenzung zwischen Natur, Kunst und Technik. Die Wertschätzung des Schneckenhauses ist einem handgeschnitztem Kunstwerk ebenbürtig. Immer in der Gewissheit, daß Gott, der die Schnecke schuf, als höchster Konstrukteur zu ehren sei. Die Wunderkammer konserviert Gegenstände, achtet ihre Würde und ihr Geheimnis. Dieser Hort mitgebrachten Anschauungs- und Erkenntnismaterials hat Jahrhunderte überlebt und verbreitet noch heute kreative Impulse. So gleichen die Installationen Anja Schindlers kleinen Laboratorien, alchimistischen Forschungskammern eines Sonderlings, wo türkisgrün versiegelte Gläser und Flaschen in honiggoldener Flüssigkeit etwas aufbewahren, das Rätsel aufgibt. Ob Naturalien oder Artefakte, Anja Schindler überläßt es dem Betrachter, die Wertigkeit der Dinge herzustellen. Öl, seit Alters her ein Konservierungsmittel, umhüllt gleichermaßen Früchte, Kleintier oder Geschriebenes in verschlossenen Gefäßen. Granatäpfel, Bohnen, Zitronen, Paprika, Käfer und Hieroglyphen, kunstvoll gefärbt, sind symbolische Vertreter des Lebens. Anja Schindler umgibt ihre zeitgenössischen Reliquien mit einer Aura von Harmonie und Schönheit, die sich von Grabbeigaben archaischer Kulturen herleiten. So werden sie zu Bildzeichen für die Geheimnisse der Welt, öffnen Assoziationsketten der Erinnerung und Wahrnehmung und plädieren für die Erhaltung irdischer Daseinsformen im Zeitalter globaler Bedrohung.

Marianne Winter

Die Kunst- und Naturalienkammer

Im Buch  Museographia von C. E. Neickel von 1727 heißt es: Die Teutschen haben auch unterschiedliche Namen erdacht, womit sie ihre Curiositäten- Behältnisse zu benennen pflegen, als:  Eine Schatz- Raritäten- Naturalien- Kunst- Vernunfft- Kammer, Zimmer oder Gemach.: 

Wohlhabende Fürsten in ganz Europa legten im 17. und 18. Jahrhundert Kuriositätenkabinette zu Repräsentations-, Bildungs- und Erbauungszwecken an. Aber auch im bürgerlichen Umfeld gab es zahlreiche Kunst- und Naturaliensammlungen. Wissenschaftler, besonders Mediziner und Pharmazeuten, traten als Besitzer bedeutender Naturaliensammlungen hervor. Üblicherweise umfaßte eine Raritätenkammer natürliche und künstliche Gegenstände aus möglichst vielen Bereichen. Denn das ideale Ziel bestand darin, in solch einem Kabinett das gesamte Universum als einen zusammenhängenden Organismus zu präsentieren und begreifbar zu machen. Zu Studienzwecken sollte in der eigenen Studierstube ein Nachbau des Kosmos entstehen, um hier eine Ordnung im Kleinen zu entwerfen, die als Erklärungsmuster für das Große gelten konnte. Auf diese Weise versuchte man der unfaßbaren Vielfalt des Universums Herr zu werden. In den theoretischen Abhandlungen zu diesem Thema wird immer wieder auf das biblische Vorbild der Arche Noah verwiesen, auf der sich die vollständigste aller Naturaliensammlungen befunden habe. So waren diesen barocken Sammlungen thematisch kaum Grenzen gesetzt. Alles was wertvoll war, merkwürdig erschien, Seltenheitswert besaß, einer Erklärung bedurfte oder eine nähere Untersuchung rechtfertigte, wurde in den Wunderkammern zusammengetragen – und doch keineswegs wahllos. Entscheidend war, daß man anhand dieser Sammlungen die Schöpfung kennen – und verstehen lernte. Und so verkehrt sich der erste Eindruck von einer frühneuzeitlichen Kuriositätenkammer in sein Gegenteil: Meint man zunächst durch ein heilloses Sammelsurium zu schreiten, so gewinnt die Sammlung bei näherer Betrachtung allmählich einen ganz und gar systematischen Charakter und bildet durch den Zusammenhang aller Einzelteile ein großes begehbares Gesamtkexponat.

In der Kunst- und Naturalienkammer steht nicht das Einzelstück im Vordergrund, sondern die Gesamtkomposition, die alles, vom Sammlungsgegenstand über das Aufbewahrungsmobiliar bis hin zum Ausstellungsraum und nicht zuletzt die museale Anordnung miteinbezieht. So tritt das einzelne Stück zurück und fügt sich gleichsam als ein Mosaikstein in die Gesamtschau.

Thomas J. Müller – Bahlke  ( aus: Die Wunderkammer, Verlag der Franckeschen Stiftungen Halle / Saale 1998 )