Anja Schindler
(Alte HIFA -Strickwarenfabrik)
Moselstraße 21 · 56818 Klotten

Werke

Visuelle Basics

Zwei grundsätzliche Überlegungen zum Werk von Anja Schindler

Menschen sind symbolsuchende Wesen. Sehr schön wird dies in der Erzählung des Philosophen Robert Spaemann deutlich, der mit seinem jüngsten Kind mit Würfeln spielt. Die Abstraktionsfähigkeit sollte getestet werden. Wenn ein Würfel „eins“ ist, dann sind zwei Würfeln „zwei“. Soweit ist logisch alles in Ordnung, aber sobald ein dritter Würfel dazu gelegt wird, spricht das Kind nicht das erhoffte „drei“, sondern „das ist Vater, das ist Mutter und da ist das Kind“. Dies nicht als Defizit, sondern als Chance zu verstehen, ist eine mögliche Aufgabe der Kunst. Dabei ist nicht die kulturell geprägte Deutung, sondern der wohl genetisch bestimmte Sprung von der scheinbaren Logik zur (logischen) Symbolik das eigentlich Spannende. Drei Würfel können Familie bedeuten, müssen es aber nicht. In der kleinen Erzählung verbirgt sich auch eine grundsätzliche Kritik an der Vorstellung eines Kunstwerks als Telefon zwischen Künstler und Betrachter: Die Intention war „drei“, die Interpretation sagte „Familie“, und beide Inhalte sind tatsächlich im einfachen Bild der drei Würfel enthalten. Das Beispiel demonstriert daneben, dass symbolische Wahrnehmung wenig mit endlosen Interpretationsketten zu tun hat, da die drei wohl kaum als eine Fußballmannschaft wahrgenommen werden. Intention und Interpretation sind symbolische Ebenen, die durch ein Bild verbunden werden und gleichzeitig kann ein Bild bestimmte symbolische Interpretationen ablehnen. (Es kann sich natürlich nicht wehren, aber andere Menschen hören/lesen sehr genau, wo artikulierter symbolischer Inhalt zu Unfug wird).


I

Das Werk von Anja Schindler handelt von einem tiefen Vertrauen in die menschliche Urfunktion des symbolischen Verstehens. Es gibt zu jeder Reihe irgendeinen Anlass und es gibt eine persönliche Ikonografie, die mit Lebensmittelpunkten und manchmal mit Lebensmitteln zu tun hat. Die Besonderheit dieser Künstlerin ist nun, dass diese persönliche Ikonografie nie ins allzu Persönliche, Unverständliche, gar Esoterische abdriftet, sondern quasi umgekehrt über Reihung und Brechung zu höchst kommunikativen Bildern strukturiert wird. Diese Bilder handeln dann überhaupt nicht mehr von ihr, sondern werden von einem jeden Betrachter mit Seherfahrung gefüllt. Schindlers Kunst ist persönlich, eigen und offen. Die Haltung, die aus jedem dieser Kunstwerke spricht, ist: „Kommunikation ist möglich“, und zwar im Sinne der oben beschriebenen Würfel.


Wenn ein Betrachter frei ist, symbolisch zu interpretieren (und diese Freiheit auch nutzen kann), dann liegt die Aufgabe eines Künstlers nicht darin, eine möglichst eindeutige Botschaft in ein Kunstwerk zu verpacken, sondern darin, die symbolische Potenz zu stärken. Das einfache Mittel dazu ist die Konzentration, aber das führt in letzter Konsequenz zu einem einzelnen Holzklotz. Anja Schindler beherrscht auch die andere Methode, das Zulassen und Eingrenzen der möglich ausufernden symbolischen Ebenen. Die verbindende Farbe in vielen Installationen ist ein solches Mittel, mit dem die symbolische Explosionsgefahr eingeengt wird. Schindler nutzt plakative Farben, um scheinbar Unzusammenhängendes zu verbinden. Sie sammelt Fundstücke und schafft Objekte, aber über die dominante verbindende Farbe bringt sie alle Gegenstände auf eine visuelle Ebene. So werden die Qualitäten, die beim ursprünglichen Fundstück vordergründig präsent waren, quasi in den Hintergrund gedrückt und vordergründig sichtbar bleibt ein Bild, wo Gefundenes und Geschaffenes gleichwertig sind. Im nächsten Schritt ergibt sich daraus eine Interpretation, die ständig zwischen diesen beiden Polen changiert.


Mit ihren Werken bildet Schindler Reihen. Nicht um die Individualität des einzelnen Objekts zu betonen, sondern um umgekehrt das verbindende Element zu akzentuieren. Dieses verbindende Element wechselt von Gruppe zu Gruppe und von Installation zu Installation: Es kann vordergründig eine Zitrone sein oder die verbindende Farbe. Desto komplizierter die Installation ist, desto mehr verallgemeinern sich die inhaltlichen Kategorien in Richtung von Natur oder menschliches Handeln. Es ist aber immer eine offensichtliche verbindende Kategorie da, welche die gesamte Installation betrifft und die im nächsten Schritt zu einer Interpretation einlädt. Es sind die scheinbar einfachsten Fragen („was ist es?“, „wie viel ist es?“, „wo ist es?“ usw.), welche da die Spur legen.


II


Schindlers Œuvre ist voll von Verweisen auf Altes und Vergangenes. Sie weiß, dass visuelle Zeichen, die als Spur der Geschichte wahrgenommen werden, ein wesentlicher Bestandteil unserer Bildkultur sind. Alte vergangene Kulturen setzen sentimentale Gefühle frei (das gilt auch für das Hochzeitsfoto der Urgroßeltern) und Schindler nutzt diese Energie, indem sie damit Geschichten erzählt und das oberflächlich Sentimentale durch Reihung und Ordnung unterdrückt. Sie ist keine Fälscherin, sondern nutzt das Bildelement „alt“. Historische Geschichte, in der Bedeutung von „da und damals“ verschwindet aus ihrem Werk zugunsten einer viel allgemeineren Bildkonvention „früher von Menschen gemacht, oder liegen gelassen“. Damit nimmt sie ihrer Kunst das Akademische. Man muss nicht wissen wer die Etrusker oder D.H. Lawrence waren, um die davon angeregten Werke als in Kunstwerke verpackte gegenwärtige Bezugnahmen auf früheres menschliches Handeln zu verstehen.


In ihren Papierarbeiten und Gemälden tauchen oft Textreste auf, die aber nicht gelesen werden müssen, sondern als eine weitere Schicht im Bild funktionieren. Schindler zeigt, dass wir Texte lesen können, ohne die Schrift zu verstehen, etwa indem wir Buchstaben als Anschrift oder Graffiti interpretieren. Daneben gibt es historische Texte oder Briefumschläge, die mit heutiger Malerei verbunden werden. Das heißt, dass im Bild Zeit komprimiert wird und dies oft verbunden mit einer anderen symbolischen Ebene in der Darstellung, etwa Natur. Daraus folgt dann zum Beispiel die Frage, ob die Natur sich so geändert hat wie die Menschen in der angedeuteten Periode und was das über den Menschen (damals oder heute) aussagt. Alle Werke von Schindler sind gelagert, aber die einzelnen Ebenen haben immer eine potenzielle Bedeutung und verweisen darauf, was dazwischen liegt.


Geschichte bedeutet bei Schindler erstens „der Vergangenheit angehörig“ und zweitens „kann aber heute betrachtet und verstanden werden“. Nicht im Sinne eines Nachvollzugs einer menschlichen kulturellen Praxis aus einer bestimmten Zeit, sondern als Zeichen menschlichen Handelns. Und während das Erste intellektuell Sinn machen muss, zielt das Zweite auf die Ebene der Neugier. Nicht was das Kunstwerk bedeutet ist dann wichtig, sondern die vom Kunstwerk ausgehende Anregung, dass es sicherlich etwas bedeutet. Und da wird dann jeder fündig. Wenn früher Menschen genauso neugierig waren wie heute, wussten sie auch mehr als wir heute von ihnen verstehen. Zugegeben eine sehr persönliche Interpretation, aber diese symbolische Ebene schimmert  im Werk von Anja Schindler durch.


Anja Schindler arbeitet mit visuellen Basics. Sie hat über Jahre hinweg ihre Bildsprache erweitert und ihre künstlerische Methoden geschärft. Was auf dem ersten Blick wie eine weit verästelte Bilderwelt erscheint, erweist sich beim näheren Hinschauen als höchst konsequent. Die Verästelung ist ein Zeichen für die große Neugier, die am Anfang ihres kreativen Prozesses steht, die Konsequenz ein Hinweis auf Erfahrung und der Garant für eine offene Kommunikation.

Dr. Arie Hartog, Direktor Gerhard-Marcks-Haus Bremen